Der Prophet Habakuk

Thema: Handelt Gott gerecht an seinem Volk?

Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben,
der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.

Habakuk 2,4

Der Prophet und seine Zeit

Von Habakuk wissen wir nichts außer seinem Namen. Auch Vatername oder Ortschaft sind nicht angegeben. Habakuk spricht vom Gericht Gottes über Israel durch die Babylonier und vom Gericht Gottes über die Babylonier. Von daher ist eine Datierung gegen Ende des 7. Jh. bis zum frühen 6. Jh. wahrscheinlich.[1]

[1]     Zenger (in Zenger u. a., Einleitung 92016, 683) argumentiert für ein sukzessives Wachstum des Buches und hält eine Grundschicht um 600 v. Chr. sowie eine exilische und eine nachexilische Überarbeitung am plausibelsten. Dillard / Longman (Introduction, 465–466) sprechen sich für eine einheitliche Entstehung im späten 7. Jh. oder frühen 6. Jh. aus. Fabry (Habakuk / Obadja HThKAT, 125) geht von einer mehrstufigen Entstehung von spätvorexilischer bis spätexilischer oder frühnachexilischer Zeit aus, wobei die Grundschicht und erste Redaktionen auf Habakuk selbst zurückzuführen seien. Childs (Introduction, 451–452.454) spricht sich für eine literarische Gestaltung mündlichen Rede-Materials sowie für redaktionelle Überarbeitungen und gegen einen liturgischen Einfluss auf die Komposition aus. Smith (Micah–Malachi WBC, 94) spricht sich für eine Entstehung eines Großteils des Buches zwischen 612 und 587 v. Chr. aus, wobei er sich spätere Redaktionen vorstellen kann. – Fußnote erstellt von Jens Winarske.

Gliederung und Inhalt des Buches

Oft werden die ersten beiden Kapitel des Buches wie folgt gegliedert:

  • 1,1–4 die erste Frage Habakuks: Wann wird Gott endlich das Unrecht in Juda bestrafen?
  • 1,5–11 die erste Antwort Gottes: Die Babylonier werden als Gottes Werkzeug des Gerichts über Israel kommen.
  • 1,12–17 die zweite Frage Habakuks: Ist es nicht ungerecht, wenn Heiden über Israel richten?
  • 2,1ff die zweite Antwort Gottes: Der Gerechte in Israel wird geschützt werden; auch die Babylonier werden für ihre Taten bestraft werden.

Allerdings fehlt bei 1,5 ein Hinweis, dass es sich um eine Antwort Gottes handelt. Dies fällt besonders ins Auge, weil in 2,1 die Antwort Gottes im Gegensatz dazu sehr ausführlich eingeleitet wird.

Daraus ist zu schließen, dass es sich bei 1,5–11 und 2,1ff nicht um zwei in der Struktur parallel stehende Antworten Gottes handeln kann. Der Abschnitt 1,5–11 ist besser als ein Zitat zu verstehen: Habakuk zitiert Worte JHWHs über die Babylonier als Gottes Werkzeug, um sein Argument zu unterstreichen, nämlich die Frage, ob eine heidnische Nation wirklich über Israel Gericht halten sollte. Bei dieser Interpretation bezieht sich das in 1,2–4 genannte Unrecht dann nicht auf die Sünde Israels, sondern auf die Unterdrückung durch die Babylonier.

Es ergibt sich die folgende Buchstruktur:

Hab 1 – Die Klage Habakuks: Wie kann es sein, dass das heidnische Volk der Babylonier zum Gericht über das heilige Volk Israel gesandt wird?
  • 1,2: Hilferuf Habakuks zu Gott
  • 1,3–4: Klage über das Unrecht; der Gottlose kreist den Gerechten ein
  • 1,5–11: Gott ruft die Chaldäer, eine mächtige Nation, für die die eigene Kraft ihr Gott ist
  • 1,12–17: Die Chaldäer als Gottes Werkzeug zum Gericht – dennoch: Sollte wirklich der Gottlose den vernichten, der gerechter ist als er?
Hab 2 – Antwort JHWHs: Gott handelt gerecht; auch die Babylonier werden bestraft werden
  • 2,1: Habakuk wartet auf eine Antwort Gottes
  • 2,2–3: Gott antwortet und weist Habakuk an, das Gehörte aufzuschreiben
  • 2,4a: 1. Das sündige Juda bekommt seine verdiente Strafe
  • 2,4b: 2. Wer aber gerecht ist und auf Gott vertraut, wird leben
  • 2,5: 3. Deshalb wird auch der große Tyrann Babylon seiner Strafe am Ende nicht entgehen
  • 2,6a: Die Völker, die von Babylon unterdrückt wurden, werden einmal ihr Spottlied über Babylon singen – fünf Weherufe:
  • 6b–8: * Weh dem, der viele Nationen ausgeraubt habt – er wird selbst beraubt werden
  • 9–11: * Weh dem, der unrechten Gewinn macht
  • 12–14: * Weh dem, der eine Stadt mit Blut baut
  • 15–17: * Weh dem, der die Blöße des anderen aufdeckt und vergewaltigt – seine eigene Blöße wird aufgedeckt werden
  • 18–20: * Weh dem, der sich auf Götzen verlässt – der HERR ist in seinem heiligen Palast
Hab 3 – Psalm Habakuks: Gott offenbart sich mit Macht in Gericht und Heil
  • 3,2: Habakuk hat Gottes Botschaft empfangen
  • 3,3–15: Gott erscheint mit Macht zum Gericht über die Nationen und zum Heil für Israel
  • 3,16–17: Habakuk hat die Botschaft empfangen; nun wartet er mit Zittern auf den Tag, an dem Gott eingreift
  • 3,18–19: Freude am Herrn, der meine Stärke ist
Habakuk
Habakuk

Bibelkunde-Skript

Propheten Einführung

Bibelkunde-Skript

Theologische Aspekte

Durch ehrliche Zweifel zum Verstehen

Habakuk benutzt seine kritischen Fragen nicht dazu, sich der moralischen Verantwortung zu entledigen oder Gottes Anspruch auf sein Leben auszuweichen. Sondern er kann Gottes Umgang mit seinem Volk und den Völkern einfach nicht mehr in seinen Glauben einordnen. Er protestiert nicht, weil er Gott gering achtet, sondern vielmehr, weil er ihn sehr hoch achtet. Gott nimmt die Fragen des Habakuk ernst und benutzt sie in seiner Gnade dazu, Habakuk enger an sich zu binden (LaSor / Hubbard / Bush).

Habakuk 2,4 im Neuen Testament

Hab 2,4 wird zitiert in Römer 1,17, Galater 3,11 und Hebräer 10,38. Vor allem Paulus verwendet diesen Vers neben Genesis 15,6, um zu demonstrieren, dass die Beziehung zu Gott auch im Alten Testament nicht zentral über das Einhalten von Gesetzesvorschriften definiert ist, sondern über das Vertrauen auf Gott (hebr. emuna „Glaube / Treue“, griech. pistis „Glaube / Treue / Vertrauen“). So wie Habakuk selbst angesichts der Katastrophe darauf vertraut, dass Gott richtig handelt und dass er Gerechtigkeit schaffen wird, so soll der neutestamentliche Gläubige auf das in Christus geschaffene Heil vertrauen.

bible-zoom.de ist die Webseite von Julius Steinberg, Professor für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Ewersbach