Der Prophet Obadja

Thema: Gericht über Edom
Und nun sieh nicht schadenfroh auf den Tag deines Bruders, auf den Tag seines Mißgeschicks! Und freue dich nicht über die Söhne Juda am Tag ihrer Vernichtung und reiß nicht dein Maul auf am Tag der Not!
Obadja V. 12
Der Prophet
Etwa zwölf Personen des Alten Testaments tragen den Namen Obadja. In der jüdischen Tradition wurden Identifizierungen des Verfassers mit verschiedenen dieser Personen vorgeschlagen. Keiner der Vorschläge ist jedoch schlüssig. So ist uns der Verfasser lediglich durch sein Buch bekannt. Der Name Obadja bedeutet „Knecht Jhwhs“.
Edom
Die Edomiter lebten in dem Gebirge südöstlich des Toten Meeres (V. 3 „in hohen Felsenklüften“). – Edom als Israels Brudervolk. Sie gehen auf Esau, den Bruder Jakobs (=Israels), zurück. Trotz dieser engen Verwandtschaft standen die beiden Völker immer wieder in Konflikt zueinander.
Datierung des Buches
V. 10–14 sprechen davon, dass Jerusalem von Feinden erobert und geplündert wurde. Edom beobachtete diesen Einfall, freute sich darüber, half den Feinden Judas und tötete sogar noch die Flüchtlinge.
Zwischen 926 v. Chr. und 586 v. Chr. sind insgesamt fünf Eroberungen Jerusalems berichtet, bei zweien davon wird ein negatives Verhalten der Edomiter explizit erwähnt:
- Zwischen 848 und 841 v. Chr.: Einfall der Philister und Araber zur Zeit des Königs Joram
(Amos 1,6; 2Chr 21,8–10.16–17) - 586 v. Chr.: Nebukadnezar erobert und zerstört Jerusalem (Hes 35,5–6; Ps 137,1.7.8)
Die Erwähnung der „Weggeführten“ in Obadja V. 20 macht das zweite Datum wahrscheinlich. Endgültige Sicherheit kann aber nicht erlangt werden.[1]
[1] Zenger (in Zenger u. a., Einleitung 92016, 662–663) spricht sich für ein mehrphasiges Wachstum des Buches aus und stellt ein dreiphasiges Modell aus der Forschung vor. Dillard / Longman (Introduction, 436–438) sprechen sich für eine Entstehung vor der Zerstörung Edoms durch die Nabatäer aus: entweder nach der Zerstörung Jerusalems oder in der Mitte des 9. Jh.s. Fabry (Habakuk / Obadja HThKAT, 382f) geht von einer mehrstufigen Entstehung von spätvorexilischer Zeit bis zur Gesamtredaktion des Zwölfprophetenbuchs aus. Childs (Introduction, 414) spricht sich für eine umfangreiche redaktionelle Neugestaltung aus. – Fußnote erstellt von Jens Winarske.
Gliederung und Inhalt
1–14 Weissagung über Edom
1–4 Edoms Untergang angesagt
5–9 Die totale Verwüstung Edoms
10–14 Grund für das Gericht: Gräueltaten gegen den „Bruder“ Juda
15–21 Der Tag des HERRN
15–16 Gericht über die Völker
17–20 Erlösung Judas
21 Die Königsherrschaft Jhwhs
(nach LaSor / Hubbard / Bush, Hg. Egelkraut, Das Alte Testament: Entstehung – Geschichte – Botschaft)

Parallelen zu Jeremia 49
Obadja weist einige Parallelen zu Jer 49 auf. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Heute wird oft davon ausgegangen, dass Obadja die Vorlage für den Jeremiatext war oder dass beide Texte auf eine andere, nicht bekannte Quelle zurückgehen. Allerdings handelt es sich nicht um direkte Zitate, sondern um die Wiederverwendung von bestimmtem Material.
Auch in Joel finden sich einige Anklänge an Obadja 10–18. Hier ist der Zusammenhang aber weniger eindeutig als bei Jeremia 49.
Bedeutung für heute
Das Buch predigt nicht einfach Hass gegen Edom. Vielmehr ruft das von seinem Brudervolk schmählich verlassene Israel in seiner Not nach Gottes ausgleichender (strafender) Gerechtigkeit. Dennoch kann seine Botschaft auch falsch verstanden werden. Das nachfolgende Jonabuch bildet das entsprechende Korrektiv.