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Der Prophet Jesaja

Thema: Gericht und Errettung für Juda in der Zeit der Assyrer und der Babylonier
Jesaja

Bibelkunde-Skript

Propheten Einführung

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Platz im Kanon

Sowohl in der hebräischen wie auch in der griechischen Tradition steht Jesaja als erster der „großen“ Schriftpropheten, gefolgt von Jeremia und Hesekiel. Der Talmud und mit ihm ca. 1/3 der alten jüdischen Bibelmanuskripte haben allerdings die Anordnung Jeremia–Hesekiel–Jesaja.

Auf dieser Seite

Zum historischen Hintergrund von Jesaja 1–39

745: In Assur kommt Tiglat-Pileser III. an die Macht und unterwirft viele Stadtstaaten in Palästina.

734: Feldzug Tiglat-Pilesers gegen Gaza; dies führt zur Gründung einer anti-assyrischen Koalition, der das Nordreich Israel, nicht aber das Südreich Juda unter König Ahas beitritt. Die Koalition greift daher das Südreich an. Ahas wiederum ruft die Assyrer zu Hilfe.

733/32: Tiglat-Pileser schlägt die Aufstände nieder und unterwirft das Nordreich. Einige Gebiete werden in assyrische Provinzen umgewandelt.

722: Nach dem Tod Tiglat-Pilesers stellt das Nordreich Israel die Tributzahlungen an Assyrien ein. Salmanasser V. erobert Samaria, deportiert Teile der Bevölkerung und macht das Nordreich Israel zu einer assyrischen Provinz.

714: Ägypten: 25. Dynastie – Äthiopier, vgl. Jes 18,1–6

713-711: Revolte von Edom, Moab und Juda gegen die Assyrer; wird niedergeschlagen; Juda verliert große Teile seines Territoriums.

705: Juda versucht, sich von der assyrischen Oberherrschaft loszureißen.

701: Sanherib belagert Jerusalem, kann die Stadt aber nicht einnehmen.

689: Sanherib vernichtet die Stadt Babylon und macht sie zum Sumpfgebiet (vgl. Jes 14,23).

Zum historischen Hintergrund von Jesaja 40–66

Die Kapitel 40ff richten sich an die Israeliten, die sich im babylonischen Exil befinden. Ihnen wird neue Hoffnung zugesprochen und eine baldige Heimkehr zugesagt (Edikt des Kyrus: 538 v. Chr).

Während viele Verse eine allgemeine Trostbotschaft vermitteln, wird die historische Situation an einigen Stellen (besonders in Kap. 40–48) direkt greifbar:

  • So spricht der HERR, euer Erlöser, der Heilige Israels: Um euretwillen habe ich nach Babel gesandt. Und ich stoße herunter all die Riegel. Und die Chaldäer – zur Klage wird ihr Jubel. (Jes 43,14, siehe auch die nachfolgenden Verse)
  • der von Kyrus spricht: Mein Hirte, er wird alles ausführen, was mir gefällt, indem er von Jerusalem sagen wird: Es werde aufgebaut, und der Grundstein des Tempels werde gelegt! (Jes 44,28; siehe auch 45,1)
  • Zieht aus Babel fort! Flieht aus Chaldäa! Mit jubelnder Stimme verkündet, lasst es hören, breitet es aus bis an die Enden der Erde! Sprecht: Erlöst hat der HERR seinen Knecht Jakob! (Jes 48,20)

Zum Literarischen Aufbau

Offensichtlich befassen sich die eröffnenden Kapitel mit der Zeit der Bedrohung durch die Assyrer, während der Buchteil ab Kap. 40 die Situation des babylonischen Exils in den Blick nimmt.

Auffällig sind daneben die erzählenden Kapitel Jes 36–39, die eine bearbeitete Fassung von 2Kön 18,13–20,19 darstellen. Sie beginnen mit Ereignissen zur Zeit der Assyrer und enden mit einer Prophetie Jesajas bezüglich der Babylonier. So nehmen die Erzählungen gewissermaßen beide Zeitalter ins Visier und dienen als Scharnier zwischen den beiden Hauptteilen des Buches.

Ein weiteres Scharnier bilden die Kapitel 34–35, ein Dyptichon (= zweiteiliges Bild) über Gericht und Heil. Auffällig ist die Nähe von Kap. 35 zu Kap. 40ff.

Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die folgende Gesamtgliederung:

Der Gesamtaufbau des Buches Jesaja mit den "Scharnierkapiteln" Kap. 34-39

Unterteilungen einzelner Teile des Buches Jesaja

In Jes 1–33 lassen sich weiterhin die folgenden Abschnitte abgrenzen:

Jes 1–12                     Ahas, Hiskia und die Bedrohung und Errettung Jerusalems vor den Assyrern
Jes 13–23                  Gericht über die Völker (10 Fremdvölkersprüche)
Jes 24–27                           Die Jesaja-Apokalypse
Jes 28–33                  Gericht über Israel (6 Weherufe)

 

Auch Jes 40–66 werden weiter unterteilt, oft in 40–48, 49–55, 56–66 (oder 56–59 und 60–66). Meiner Ansicht nach ist eine deutliche rahmende Funktion von Kap. 40 nach 55 zu erkennen (Verbindung u. a. über „Wort Gottes“), sowie von Kap. 56 nach 66 (der Tempel als Bethaus für alle Völker).

Jesaja 1–12: Ahas, Hiskia und die Errettung Jerusalems vor den Assyrern

1. Der Bruderkrieg zwischen Israel und Juda und das Zeichen der Jungfrau: Um 734 v. Chr. schließen sich mehrere Kleinstaaten im Norden Palästinas zu einer Koalition gegen die Assyrer zusammen. Angeführt werden sie von Damaskus und dem Nordreich Israel. Sie fordern das Südreich Juda auf, ihrer Koalition beizutreten. Doch König Ahas in Jerusalem weigert sich. Daraufhin greift die Koalition das Südreich an, um Ahas abzusetzen.

Der Prophet Jesaja tritt auf. Er sichert Ahas Gottes Unterstützung zu. Der Sohn einer Jungfrau soll zum Zeichen werden. Noch bevor das Kind mündig ist, sagt Jesaja, wird die Bedrohung abgewendet sein (Jes 7,14.16). Ahas jedoch traut der Zusage nicht. Er weiß sich nicht anders zu helfen, als ausgerechnet die Assyrer um Hilfe zu rufen. Diese greifen mit aller Härte ein und zerschlagen die Koalition der Kleinstaaten. Das Brudervolk im Norden entgeht dem politischen Untergang nur knapp.

Jesaja hat offensichtlich eine ganz bestimmte Jungfrau vor Augen (er schreibt wörtlich: „die Jungfrau“). Die Person dürfte auch Ahas nicht unbekannt gewesen sein. Höchstwahrscheinlich war es Ahas’ eigene, frisch angetraute Frau. Das Kind war demnach Ahas’ eigener Sohn Hiskia. Ein Zeichen der Hoffnung: Ahas’ Zukunft scheint in Gefahr, doch zugleich ist schon der Thronfolger geboren – immerhin ein Davidsnachfahre, auf dem Gottes ewige Verheißung liegt (2Sam 7,16). Und noch mehr: In der Person des Hiskia, so sagt der Prophet, wird auf eine ganz besondere Weise „Gott mit uns“ (Immanuel) sein. Und so kam es auch. Noch bevor der kleine Hiskia so weit war, Verantwortung übernehmen zu können, war die Koalition der nördlichen Staaten zerschlagen.

2. Die drohende Vernichtung Jerusalems und der Heilskönig vom Stamm Davids: Dreißig Jahre später haben die Assyrer das Nordreich Israel ausgelöscht. Nun gerät das Südreich Juda massiv unter Druck. Viele seiner Städte werden von den Assyrern eingenommen. Im Jahr 701 v. Chr. rücken die Truppen zur Hauptstadt Jerusalem vor. Die Lage scheint aussichtslos. König Hiskia sucht den Propheten Jesaja auf, beide wenden sich verzweifelt an Gott – und Gott greift ein, auf wundersame Weise. Er vernichtet große Teile des assyrischen Heeres und zwingt so die Assyrer zur Aufgabe. Jerusalem ist gerettet.

Hiskia: Schon als Kind wird er zum Zeichen für Gottes besondere Gegenwart, und als Erwachsener wird er für sein Volk zum Gott-Held und Friedefürst (Jes 9,5). Im Neuen Testament wird er zu einem Typos (Vorschattung) für Jesus Christus.

Die Prophetien Jesajas für die Zeitspanne 734–701 v. Chr. sind in Jes 1–12 auf kunstvolle Weise ineinander verwoben. In Jes 1–12 liegt ein vierfacher Wechsel zwischen Gericht und Heil vor, eine vierfache überraschende Wende vom drohenden Untergang hin zu einer neuen, friedvollen Zukunft. Die vier Durchläufe sind, was das Historische angeht, unterschiedlich konkret. An einigen Stellen tritt die Situation 701 v. Chr. sehr klar vor Augen (besonders Jes 1,5–9; 10,24–34), andere Passagen sind umfassender und reichen wesentlich weiter in die Zukunft. Die vier Durchläufe lassen sich übereinanderlegen wie vier Tafeln einer Glasmalerei, die hintereinandergestellt ein komplexes Gesamtbild ergeben: Verschiedene zeitliche Horizonte sind im Buch einander überlagert und ergeben zusammen ein umfassendes Bild des Handelns Gottes durch seinen Heilskönig, damals und heute.

Die vierfache Entwicklung von Gericht zu Heil in Jes 1-12

Mitten in den dritten Durchgang sind die drei Episoden vom Auftreten Jesajas platziert. Literarisch-strukturelle Botschaft: Mitten hinein in das Dunkel der dramatischen Epoche sendet Gott seinen Propheten Jesaja, mitten im Dunkel wird der „Sohn der Jungfrau“ geboren, der letztendlich Jerusalem vor dem Untergang bewahrt.

Jesaja 36-39

Kapitel 36 befasst sich mit der Belagerung Jerusalems durch die Assyrer. Zu Anfang wird beschrieben, dass das assyrische Heer bereits alle befestigten Städte Judas erobert hat, bis es im 14. Regierungsjahr von König Hiskia in Jerusalem eintrifft. Im Folgenden wird ein Dialog geschildert zwischen drei Hofbeamten von Hiskia und dem Rabschake, dem assyrischen Würdenträger. Der Rabschake fragt, worauf Hiskia vertrauen würde, da Ägypten doch jedem, der sich auf sie verlässt, zum Verhängnis werde. Er spottet weiter in Form einer Wette, die auf die geringen Streitkräfte von Hiskia Bezug nimmt, und behauptet, dass Gott ihn und sein Heer geschickt habe. Die Hofbeamten bitten den Rabschake, Aramäisch zu sprechen, damit das Volk ihn nicht versteht. Doch dieser wendet sich zum ganzen Volk und empfiehlt ihnen, sich nicht von Hiskia täuschen zu lassen, sondern stattdessen zu kapitulieren und auf den König von Assyrien zu hören. Der Rabschake beschreibt die Fülle an Landschaften, die er ohne Hindernis eines Gottes bereits eingenommen hat. Doch die Bevölkerung von Jerusalem antwortet nicht, da Hiskia, denen die Hofbeamten nun Bericht erstatten, ihnen dies aufgetragen hat.

Kapitel 37 berichtet von der Reaktion Gottes auf die Bedrohung durch die Assyrer. So sendet Hiskia Boten zu Jesaja, um eine Botschaft von Gott zu erhalten. Jesaja antwortet mit der Nachricht des Herrn, dass er sich nicht zu fürchten braucht. Nachdem der Rabschake zu seinem König Sanherib zurückgekehrt ist, verfasst er einen Brief, in dem er mit der Einnahme Jerusalems droht und dabei auf die vielen Städte und Völker verweist, die er bereits eingenommen hat. Hiskia reagiert mit einem Gebet im Tempel, wo er Gott um Hilfe bittet. Über Jesaja erhält er eine Antwort, in der Gott seine Treue verspricht und von dem Rückzug der Assyrer berichtet. Außerdem will er Hiskia ein Zeichen geben, das die Treue seiner Aussage bestätigt. Das Lager der Assyrer ist am nächsten Morgen mit Leichen übersät, da der Engel des Herrn in der Nacht 185.000 Soldaten getötet hat. Voller Entsetzen kehren die Assyrer in die Heimat zurück, wo König Sanherib von zweien seiner Söhne umgebracht wird.

In Kapitel 38 geht es um die Heilung des todkranken Hiskia. Zu Beginn wird von einer Begegnung zwischen Hiskia und Jesaja berichtet, in der Jesaja mit Worten Gottes Hiskias nahen Tod vorhersagt. Nachdem Hiskia zu Gott betet und ihn an seine Treue erinnert, erscheint Jesaja erneut mit einer Botschaft des Herrn, dass Gott dieses Gebet erhört hat und ihm weitere 15 Jahre zu leben sowie Schutz vor den Assyrern verspricht. Nach dieser Nachricht schreibt Hiskia ein Gedicht, in dem er in einigen Metaphern sowohl sein Leiden als auch seine Freude über die Heilung durch Gott ausdrückt. In einem Nachtrag wird zuletzt eine Anordnung Jesajas zur Behandlung von Hiskia erläutert, ebenso wie die Frage Hiskias, wie er seine Heilung denn spüren würde.

Kapitel 39 berichtet von einer folgenschweren Begegnung. Als Hiskia von seiner Krankheit geheilt ist, kommen Gesandte aus Babylonien mit Geschenken. Aus Freude zeigt Hiskia ihnen sein gesamtes Schatzhaus, das Waffenlager und die Vorratshäuser. In einer Konversation mit Jesaja weist dieser Hiskia mit Worten Gottes darauf hin, dass eines Tages all der Reichtum zusammen mit einigen seiner Söhne nach Babylon verschleppt wird. Hiskia beugt sich diesem Urteil, äußert sich zugleich aber erleichtert darüber, dass dies nicht mehr zu seinen Lebzeiten geschehen wird.

 

(Inhaltsangabe von Jan Silas Siebdrat.)

Jesaja 40–48 und der Monotheismus

Besonders Jes 40ff trägt in besonderer Weise zur alttestamentlichen Gotteslehre bei.

Monolatrie: Verehrung eines einzigen Gottes – ohne die Existenz anderer Götter grundsätzlich zu leugnen (griech. latreia „Verehrung“), z. B. Ex 15,11: „Wer ist dir gleich unter den Göttern, o HERR!“

Monotheismus: Glaube, dass es nur einen einzigen Gott gibt

Für Israel war der Gott der Väter bzw. JHWH nie einer unter vielen Göttern, sondern immer einzigartig und unvergleichlich (Monolatrie). Jes 40–48 trägt die Aussage bei, dass JHWH tatsächlich der einzige Gott ist (Monotheismus).

JHWH, der einzige Gott

  • JHWH ist der Herr der Welt
  • Götzenbildpolemik: Götzen als Nichtse
  • Weissagungsbeweis: nur JHWH kennt die Zukunft
  • Aus Gottes Hand kommt das Gute und das Böse (z. B. 45,7) (kein Dualismus Gott vs. Teufel!)
  • „Ich bin der HERR und sonst keiner. Außer mir gibt es keinen Gott.“ (z. B. 45,5)

JHWH, der Schöpfer (bārā’ „erschaffen“, nur von Gott gebraucht)

  • Schöpfer der Welt (Jes 40,26.28; 42,5; 45,12.18 u. a.)
  • Schöpfer des Volkes Israels (43,1.7.15; 45,11)
  • Schöpfer (des Gerichts und) des Heils (41,20; 45,7.8)

JHWH, der (einzige) Retter (jāschac „retten“) und Erlöser (gā’al „erlösen“), z. B. 41,14; 43,1.3.11.12.14; 44,6.22.23.24 u. v. a.

JHWH, der Heilige Israels: drückt zugleich Größe und Zugewandtheit aus: der herrliche Gott, der in Israels Interesse handelt, z. B. 41,14.16.20; 43,3.14.15; 45,11 u. a.

Jesaja 40–55 und der „Knecht des HERRN“

Der Sohn der Jungfrau (Jes 7,14) – das Kind auf dem Thron, Davidsohn und Friedensherrscher (Jes 9,5) – der Spross aus der Wurzel Isais, Herrscher in Gerechtigkeit (Jes 11) – der „Knecht des HERRN“ (Jes 40ff).

äväd adonaj („Knecht JHWHs“)

Die „Gottesknechtslieder“ Jes 42,1–4 (+5–9); 49,1–6 (+49,7–13); 50,4–9 und Jes 52,13–53,12.

  • Ältere Annahme (Duhm): Gottesknechtslieder ursprünglich separat und dem Text erst später hinzugefügt
  • Neuere Forschungstendenz (Duhm, Beuken u. a.): Gottesknechtslieder als integraler Bestandteil der Argumentation von Jes 40ff

Der Begriff „Knecht JHWHs“ erscheint auch außerhalb der abgegrenzten Gottesknechtslieder.

Verschiedene Deutungen:

  • autobiographische Deutung: mit dem äväd JHWH ist Jesaja gemeint
  • individuelle Deutungen: Mose, ein König, ein Prophet, Kyrus
  • kollektive Deutung: mit dem äväd JHWH ist das Volk Israel oder ein bestimmter Teil des Volkes gemeint
  • neutestamentliche Deutung: der äväd JHWH ist Jesus Christus (Mat 12,18; Apg 8,35f u. a.)

In 41,8ff ist Israel selbst der äväd JHWH. Israel war erwählt als Gottes Knecht, um seinen Willen zu tun, Licht für die Heiden zu sein. Israel allerdings ist ein „blinder und tauber Knecht“. In 49,1–6 wird dann ein Knecht Gottes gerufen, der für Israel da sein soll. Jesaja 53 schließlich spricht vom leidenden äväd JHWH, der stellvertretend für die Sünden des Volkes einsteht.

Jesaja 56–66: Restauration und endzeitliche Vision

Nach der umfassenden Gerichtsbotschaft von Jes 1–33 und der umfassenden Trostbotschaft von Jes 40–55 braucht es eine Konkretion: Wie kann das Leben im anbrechenden Heil konkret Gestalt gewinnen? Hierauf antworten die Kap. 56–66. In ihrer visionären Kraft gehen sie zugleich über die historische Realität hinaus und zeichnen eine endzeitliche Vision.

Die literarische Struktur von Jesaja 56-66

Bible-Zoom (c) Julius Steinberg | zuletzt aktualisiert im September 2021